Kann man als Privatperson shorten?

Die Frage, ob man als Privatperson sogenannte "Short-Positionen" eingehen, also auf fallende Kurse wetten kann, ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Grundsätzlich ist es möglich, aber es gibt Hürden und Risiken, die man unbedingt kennen sollte. Viele denken beim Thema Börse nur an steigende Kurse, aber die Möglichkeit, von fallenden Kursen zu profitieren, kann ein wertvolles Werkzeug sein - sowohl zur Spekulation als auch zur Absicherung des eigenen Portfolios.

Was bedeutet "Shorten" eigentlich genau?

"Shorten", auch bekannt als "Leerverkauf", ist im Grunde eine Wette darauf, dass der Kurs eines Wertpapiers (Aktie, Anleihe, Rohstoff etc.) fallen wird. Anstatt ein Wertpapier zu kaufen, leiht man es sich von einem Broker und verkauft es direkt am Markt. Wenn der Kurs tatsächlich fällt, kauft man das Wertpapier später zu einem niedrigeren Preis zurück, gibt es dem Broker zurück und behält die Differenz als Gewinn.

Stell dir vor, du glaubst, dass die Aktie von "TechGigant AG" von derzeit 100 Euro auf 80 Euro fallen wird. Du leihst dir also eine Aktie von TechGigant AG von deinem Broker und verkaufst sie für 100 Euro. Fällt der Kurs tatsächlich auf 80 Euro, kaufst du die Aktie für 80 Euro zurück und gibst sie dem Broker zurück. Dein Gewinn beträgt 20 Euro (abzüglich Gebühren und Zinsen).

Warum ist das Shorten nicht so einfach wie Kaufen?

Während das Kaufen von Aktien relativ unkompliziert ist, gibt es beim Shorten einige zusätzliche Aspekte, die man beachten muss:

  • Verfügbarkeit: Nicht alle Wertpapiere sind für Leerverkäufe verfügbar. Dein Broker muss die Aktien, die du shorten möchtest, erst einmal leihen können. Gerade bei kleineren oder illiquiden Aktien kann das schwierig oder unmöglich sein.
  • Margin-Konto: Um shorten zu können, benötigst du in der Regel ein Margin-Konto bei deinem Broker. Das bedeutet, dass du eine Sicherheitsleistung (Margin) hinterlegen musst, um das Risiko abzudecken. Diese Margin kann erheblich sein und hängt vom Wertpapier und der Volatilität ab.
  • Zinsen: Für das Leihen der Aktien zahlst du Zinsen an den Broker. Diese Zinsen können je nach Wertpapier und Marktlage variieren.
  • Risiko: Das Risiko beim Shorten ist theoretisch unbegrenzt. Während dein maximaler Gewinn beim Kauf einer Aktie auf den Kaufpreis beschränkt ist (die Aktie kann maximal auf Null fallen), kann der Kurs einer Aktie theoretisch unendlich steigen. Das bedeutet, dass du beim Shorten mehr Geld verlieren kannst, als du ursprünglich investiert hast.
  • Short Squeeze: Ein "Short Squeeze" tritt auf, wenn der Kurs eines Wertpapiers, das von vielen Anlegern geshortet wurde, plötzlich stark ansteigt. Dies zwingt die Short-Seller, ihre Positionen zu schließen (also die Aktien zurückzukaufen), was den Kurs weiter in die Höhe treibt und zu noch größeren Verlusten führen kann.

Welche Möglichkeiten gibt es für Privatanleger, zu shorten?

Obwohl der direkte Leerverkauf für Privatanleger oft kompliziert und risikoreich ist, gibt es alternative Möglichkeiten, von fallenden Kursen zu profitieren:

  • CFDs (Contracts for Difference): CFDs sind derivative Finanzinstrumente, die es ermöglichen, auf die Kursentwicklung eines Basiswertes (z.B. Aktie, Index, Rohstoff) zu spekulieren, ohne diesen tatsächlich zu besitzen. Mit CFDs kann man sowohl auf steigende als auch auf fallende Kurse setzen. Achte aber auf die hohen Risiken und Gebühren, die mit CFDs verbunden sind.
  • Optionen: Mit Optionen kann man sich das Recht, aber nicht die Pflicht, sichern, ein Wertpapier zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Eine "Put-Option" gibt dir das Recht, ein Wertpapier zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Wenn du erwartest, dass der Kurs fällt, kannst du eine Put-Option kaufen.
  • Inverse ETFs: Inverse ETFs sind Exchange Traded Funds, die die gegenteilige Wertentwicklung eines bestimmten Index oder Sektors abbilden. Wenn du beispielsweise erwartest, dass der DAX fällt, kannst du einen inversen DAX-ETF kaufen.
  • Short ETFs: Ähnlich wie inverse ETFs, aber oft mit Hebelwirkung versehen. Das bedeutet, dass sie Kursbewegungen des zugrunde liegenden Index oder Sektors verstärken. Sei hier besonders vorsichtig, da die Hebelwirkung auch deine Verluste verstärken kann.

Die Risiken beim Shorten - Unterschätze sie nicht!

Es ist wichtig, die Risiken beim Shorten zu verstehen, bevor man sich darauf einlässt:

  • Unbegrenztes Verlustpotenzial: Wie bereits erwähnt, ist das Verlustpotenzial beim Shorten theoretisch unbegrenzt.
  • Margin Calls: Wenn der Kurs des Wertpapiers, das du geshortet hast, steigt, kann dein Broker einen "Margin Call" verlangen. Das bedeutet, dass du zusätzliches Geld auf dein Margin-Konto einzahlen musst, um deine Position abzusichern. Wenn du das nicht kannst, wird dein Broker deine Position zwangsweise schließen, was zu Verlusten führen kann.
  • Volatilität: Die Märkte können sehr volatil sein, und plötzliche Kurssprünge können zu erheblichen Verlusten führen.
  • Short Squeezes: Wie bereits erwähnt, können Short Squeezes zu extremen Kursanstiegen und hohen Verlusten führen.
  • Timing: Das Timing ist beim Shorten entscheidend. Du musst nicht nur richtig liegen mit deiner Annahme, dass der Kurs fällt, sondern auch den richtigen Zeitpunkt erwischen.

Shorten als Absicherung - Geht das?

Shorten kann auch als Absicherungsstrategie eingesetzt werden, um ein bestehendes Portfolio vor Kursverlusten zu schützen. Wenn du beispielsweise Aktien eines bestimmten Sektors besitzt und erwartest, dass dieser Sektor vorübergehend unter Druck gerät, kannst du eine Short-Position in einem entsprechenden ETF eingehen, um potenzielle Verluste auszugleichen. Diese Strategie ist jedoch komplex und erfordert ein tiefes Verständnis der Märkte.

Shorten für Anfänger - Lieber Finger weg?

Für Börsenneulinge ist der direkte Leerverkauf in der Regel nicht geeignet. Die Risiken sind hoch und das Verständnis der komplexen Mechanismen ist unerlässlich. Beginne lieber mit einfacheren Anlageformen und lerne die Grundlagen des Börsenhandels, bevor du dich an das Shorten wagst. Solltest du dich dennoch dafür interessieren, beginne mit kleinen Positionen und bilde dich umfassend weiter.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

  • Kann ich als Privatperson direkt Aktien shorten? Ja, grundsätzlich ist das möglich, erfordert aber ein Margin-Konto und die Verfügbarkeit der Aktien beim Broker.
  • Was ist ein Margin Call? Ein Margin Call ist die Aufforderung des Brokers, zusätzliches Geld auf das Margin-Konto einzuzahlen, um Verluste abzudecken.
  • Was ist ein Short Squeeze? Ein Short Squeeze ist ein plötzlicher, starker Kursanstieg eines Wertpapiers, der Short-Seller zwingt, ihre Positionen zu schließen.
  • Ist Shorten riskant? Ja, Shorten ist sehr riskant und birgt das Potenzial für unbegrenzte Verluste.
  • Kann ich mit ETFs shorten? Ja, es gibt inverse und Short ETFs, die es ermöglichen, auf fallende Kurse zu setzen.

Fazit

Shorten kann eine interessante Möglichkeit sein, von fallenden Kursen zu profitieren, ist aber mit hohen Risiken verbunden. Für Privatanleger gibt es alternative Möglichkeiten wie CFDs, Optionen und inverse ETFs, die jedoch ebenfalls sorgfältig geprüft werden sollten. Bevor du dich ans Shorten wagst, solltest du die Risiken verstehen und dich umfassend informieren.